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Von Mirko Horstmann
Mein Interesse wird immer dann geweckt, wenn es irgendwo heißt, ein Gerät sei "das erste seiner Art"
gewesen. So las ich vor einigen Monaten auf Dennis Browns Internetseite, dem virtuellen Classic Home Video Games Museum, das Fairchild Channel F sei das erste Videospiel gewesen, das Module mit ROMs benutzte. Vorher gab es also
nur Geräte mit fest eingebauten Spielen, Module dienten allenfalls dazu, mit einer bestimmten Pinbelegung ein Spiel auszuwählen (Anm. d. Red: Wie z. B. beim Odyssey 1). Mein Interesse war durchaus geweckt. Das Fairchild kam
1976 in den USA heraus. Da ich mich in diesem Jahr noch nicht so recht für Videospiele begeistern konnte (ich war gerade 1 Jahr alt) und auch die spätere Entwicklung der Videospiele bis in die Mitte der 80er Jahre nicht
besonders aufmerksam verfolgte, wußte ich nicht, ob es dieses Gerät jemals in Europa gab - bis ich es dann, in leicht abgewandelter Form, auf dem Flohmarkt entdeckte.
Zuerst fielen mir die gelben Module auf, die identisch mit denen zu sein schienen, die ich auf der Website gesehen
hatte. Meine Frage nach dem Preis wurde prompt mit "Nur zusammen mit dem Nintendo" beantwortet, woraufhin der Verkäufer auf ein schwarzes Gerät mit der Aufschrift "Saba Videoplay" deutete. Wie gut, daß nicht
alle Leute Ahnung von klassischen Videospielen haben - wir müßten für unsere Sammlerstücke sicherlich einiges mehr berappen. Ich bezahlte 20 DM für das Gerät mit 6 Spielen, von denen 2 eine Verpackung hatten, 3 weitere aber
ohne Label waren. Die Bezeichnung "Fairchild" auf den Modulen ließ dann keinen Zweifel mehr zu: bei diesem Gerät handelte es sich um die europäische Version des Fairchild Channel F.
Was bei dem Gerät auf Anhieb besonders auffällt, sind einerseits die sehr interessant geformten (und auch ansonsten
sehr ungewöhnlichen, s. u.) Joysticks und der Modulschacht. In letzteren wird das Modul soweit hineingesteckt, bis es spürbar einrastet, eine Taste vor dem Schacht gibt es nach dem Spielen wieder frei und katapultiert es ein
Stück nach draußen. Fünf weitere Tasten zieren die Vorderseite des Gehäuses, mit denen sich je nach Modul die Auswahl eines Spieles (bei Modulen mit mehreren Spielen) und andere Einstellungen wie der Schwierigkeitsgrad oder die
Anzahl der Spieler vornehmen lassen. Ist kein Modul im Schacht, so dienen zwei der Tasten dazu, eines der beiden eingebauten Spiele auszuwählen. Beim amerikanischen Fairchild heißen diese Tennis und Hockey, die deutschen
Bezeichnungen auf dem Videoplay lauten dagegen Tennis und Fußball - es handelt sich natürlich um die bekannten Spiele mit zwei oder mehr Strichen und einem Quadrat, das die beiden Spieler möglichst geschickt aneinander
vorbeischlagen müssen. Die Vermutung liegt zumindest nahe, daß Hockey und Fußball identisch sind.
Nun ist es wohl Zeit, einmal auf die Joysticks einzugehen und dabei will ich gleich mal einen Sprung in die
Gegenwart wagen. Mittlerweile sind sich die Konsolenhersteller ja einig, daß zu einem Videospiel immer ein Joypad, also ein flaches Steuerkreuz gehört, das die Steuerung in 8 Richtungen ermöglicht. Die Anzahl der dazugehörigen
Feuerknöpfe wird in letzter Zeit immer größer (mit den 6 Knöpfen des Super Nintendo kam ich ja noch zurecht, bei der Playstation wird es mittlerweile schwierig...). In der Konsolenurzeit war man sich da scheinbar noch nicht so
einig, was dazu führte, daß jedes Gerät seine charakteristische Steuerung hatte. Einige der Ideen aus dieser Zeit setzten sich durch und überlebten den Crash (beispielsweise der VCS-Joystick), andere verschwanden zusammen mit
den Geräten, mit denen sie gekommen waren (z.B. die Intellivision-Disks).
Beim Fairchild findet man eine etwas andere Konstruktion vor. Das längliche Gehäuse wird wie ein Pistolengriff
gehalten, der dreieckige Steuerknüppel kann bequem mit drei oder mehr Fingern bewegt werden. Die Achse geht dabei durch das ganze Gehäuse, der Radius, in dem der Stick bewegt wird, ist also recht groß. Die eigentliche
Besonderheit ist aber eine andere: Feuerknöpfe gibt es nämlich nicht. Oder doch! Das heißt: ja, aber nicht so richtig. Der Steuerknüppel läßt sich zunächst in die normalen 8 Richtungen bewegen, zusätzlich aber herausziehen und
hineindrücken. Und als ob das noch nicht genug wäre, kann man das dreieckige Gebilde auch noch nach links und rechts drehen. Das ergibt immerhin 9 mal 3 mal 3, also 80 mögliche Richtungsangaben (ohne die neutrale Stellung). Die
Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, werden gleich beim eingebauten Fußball eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die Schlagrichtung wird durch das Drehen des Schlägers bestimmt, außerdem steuert man durch das Hineindrücken
bzw. Herausziehen den Torwart. Die Joysticks sind ohne Stecker befestigt, was natürlich beim Transport des Gerätes negativ auffällt.Technische Informationen über diese Konsole sind leider Mangelware. Die grafischen Fähigkeiten
reichen natürlich nicht an die späterer Geräte heran, obgleich das Fairchild sicher einen großen Schritt in der Entwicklung der Videospiele darstellte. Man kann deutlich sehen, wie dieses Gerät sich zwischen den Pong-Spielen
der frühen und mittleren 70er Jahre und dem VCS einreiht. Die Auflösung würde ich auf 60 x 40 Bildpunkte schätzen.
Die Spiele halten sich mit schneller Animation zurück, statt dessen findet man Module wie Magic Numbers,
Tic-Tac-Toe oder Hangman. Trotzdem befinden sich auch einige Actionspiele im Angebot, wie beispielsweise das recht gut gelungene Odyssee im Weltraum (englischer Titel ist wahrscheinlich Galactic Space Wars/Lunar Lander).
Die Soundausgabe erfolgt nicht über den Fernseher, sondern über einen Lautsprecher im Gerät. Dessen Lautstärke läßt
sich leider nicht regeln, was bei empfindlichen Familienangehörigen oder Mitbewohnern schon mal zu Problemen führen kann (die Töne, die das Gerät von sich gibt, sind bisweilen ein wenig schrill).
Obwohl das Gerät technisch gesehen sicher recht bedeutend war (s.o.), hat man den Eindruck, daß es sich nicht
besonders großer Beliebtheit erfreute. Einen echten "Klassiker", den entweder fast jeder hat(te) (wie z.B. das VCS) oder den fast jeder haben will (wie scheinbar das Vectrex) erwirbt man nicht, wenn man sich das
Fairchild zulegt. Auch hört man nur sehr wenig über dieses Gerät. Trotzdem findet man immer mal wieder Module dafür. Wie alle klassischen Konsolen, so wird auch das Fairchild auf Flohmärkten nicht immer als besonders wertvoll
angesehen. Da die Anzahl der Module mit 27 recht überschaubar ist, kann man sich durchaus vornehmen, das gesamte Angebot zusammenzutragen, ohne als größenwahnsinnig bezeichnet zu werden ("...und ab morgen
sammle ich dann alle VCS-Spiele!").
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